Photovoltaik, Dachbegrünung oder beides? So gelingt die nachhaltige Dachplanung

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 Wer ein Dach saniert, erweitert oder neu baut, steht oft vor derselben Frage: Soll das Dach für eine Photovoltaikanlage genutzt, begrünt oder gleich für beides ausgelegt werden?  

 

 

Die gute Nachricht: In vielen Fällen schliessen sich diese Lösungen nicht aus. Im Gegenteil – ein gut geplantes Solargründach vereint energetische, ökologische und bautechnische Vorteile.

 

Die Ausgangslage: Vorschriften sind nicht überall gleich

Ob eine Photovoltaikanlage installiert werden muss, ob eine Dachbegrünung vorgeschrieben ist oder ob eine Baubewilligung nötig wird, hängt immer vom konkreten Projekt ab. Entscheidend sind unter anderem:

 

- Standort und Gemeinde

- Kantonale Vorschriften

- Art und Nutzung der Liegenschaft

- Schutzstatus des Gebäudes

- Lage in einer Natur- oder Heimatschutzzone

- Aktueller Stand der Technik

 

Gerade deshalb lohnt sich eine frühzeitige Prüfung. Denn was in einer Gemeinde problemlos möglich ist, kann andernorts an zusätzliche Auflagen gebunden sein.

 

Solarenergie: Was gilt im Kanton Bern?

Im Kanton Bern ist die Eigenenergieerzeugung bei Neubauten und bei Erweiterungen, die als Neubau gelten, gesetzlich verankert. Grundlage dafür ist die gewichtete Gesamtenergieeffizienz, kurz gGEE. Wenn geeignete Dachflächen vorhanden sind, müssen Solaranlagen vorgesehen werden. Diese können dazu beitragen, die Anforderungen an den zulässigen Wärmebedarf zu erfüllen.

 

Für Bauherrschaften bedeutet das: Wer neu baut oder umfassend erweitert, sollte das Thema Photovoltaik früh in die Planung integrieren. So lassen sich technische, energetische und gestalterische Anforderungen besser aufeinander abstimmen.

 

Meldepflicht statt Bewilligung – aber nicht immer

Nicht jede Solaranlage benötigt automatisch eine Baubewilligung. In Bau- und Landwirtschaftszonen sind «genügend angepasste» Solaranlagen auf Dächern in vielen Fällen bewilligungsfrei. Eine Meldepflicht gegenüber der Gemeinde besteht jedoch in jedem Fall.

 

Als genügend angepasst gelten Solaranlagen dann, wenn sie:
  1. - die Dachfläche im rechten Winkel um höchstens 20 cm überragen

  2. - von vorne und oben gesehen nicht über die Dachfläche hinausragen

  3. - nach dem Stand der Technik reflexionsarm ausgeführt sind

  4. - als kompakte Fläche zusammenhängen

 

Trotzdem ist Vorsicht geboten: Nach der Prüfung durch die Gemeinde kann sich zeigen, dass zusätzliche bauliche Massnahmen erforderlich sind. Eine saubere Projektabklärung spart hier Zeit und verhindert spätere Korrekturen.

 

Warum Dachbegrünung heute eine wichtige Rolle spielt

Flachdächer sind grundsätzlich zu begrünen, sofern sie nicht als Terrassen oder für Oblichter genutzt werden. Das gilt auch dann, wenn gleichzeitig eine Solaranlage vorgesehen ist. Genau hier entsteht ein besonders spannender Ansatz: das Solargründach.

 

PVA_Dachbegruenung

 

Die Kombination aus Photovoltaik und Dachbegrünung ist nicht nur technisch sinnvoll, sondern oft auch energetisch vorteilhaft. Der Grund ist einfach: Photovoltaikmodule arbeiten effizienter, wenn sie nicht zu heiss werden. Begrünte Dächer bleiben kühler als unbegrünte Dachflächen und reduzieren dadurch die Hitzeabstrahlung auf die Solarmodule.

 

Solargründach: Zwei Systeme, die sich sinnvoll ergänzen

Ein Solargründach verbindet Stromproduktion mit ökologischer Aufwertung. Die Vorteile im Überblick:

  1. - bessere Effizienz der Photovoltaikanlage durch kühlendere Dachoberflächen

  2. - längere Lebensdauer der Dachabdichtung

  3. - Rückhalt von Regenwasser

  4. - Entlastung der Siedlungsentwässerung

  5. - Verbesserung des Mikroklimas

  6. - zusätzlicher Lebensraum für Insekten und Vögel

  7. - Verbesserung des Schallschutzes

  8. - Reduktion von Feinstaub und Luftschadstoffen

  9. - Beitrag zur CO₂-Bindung und Biodiversität (Pflanzen nehmen  CO₂ auf und geben Sauerstoff ab)

Damit wird das Dach nicht nur zur technischen Fläche, sondern zu einem funktionalen Bestandteil nachhaltiger Bauplanung.

 

Was ist eine Extensivbegrünung?

Wenn von begrünten Dächern die Rede ist, handelt es sich häufig um sogenannte Extensivbegrünungen. Diese sind leicht, pflegearm und mit geringer Aufbauhöhe realisierbar. Sie eignen sich besonders gut für Flachdächer und kommen teilweise auch bei Steildächern oder Fassaden zum Einsatz.

 

Sedum_Arten

 

Typisch für Extensivbegrünungen sind naturnah angelegte Pflanzflächen mit:

- Sedum-Arten

- Kräutern

- Gräsern

- Moosen

 

Diese Vegetation ist robust, benötigt wenig Unterhalt und kann sich weitgehend selbst erhalten und weiterentwickeln.

 

Nachhaltig gedacht: Recycling als Teil des Dachaufbaus

Ein interessanter Aspekt moderner Dachbegrünung ist der Einsatz von Recyclingmaterialien. Alte Tonziegel aus Steildachsanierungen müssen nicht entsorgt werden. Aufbereitet und mit Kompost sowie Kies angereichert, können sie als hochwertige Grundlage für extensive Begrünungen dienen.

 

20200811_102452_Tonziegel

 

Das bietet gleich mehrere Vorteile:

- sinnvolle Weiterverwendung bestehender Materialien

- gute Wachstumsbasis für Sedum, Kräuter und Gräser

- kostengünstiger Aufbau

- ressourcenschonende Lösung im Sinne des Kreislaufgedankens

 

So wird Dachbegrünung auch in der Materialwahl zu einem nachhaltigen Baustein.

 

Die wichtigsten Vorteile eines Gründachs

Ein Gründach überzeugt nicht nur optisch, sondern auch funktional. Es bringt Natur zurück auf versiegelte Flächen und übernimmt mehrere bauphysikalische Aufgaben gleichzeitig.

 

Zu den wichtigsten Vorteilen gehören:

1. Wärmedämmung und Hitzeschutz
Im Winter wirkt die Begrünung wärmedämmend, im Sommer schützt sie vor übermässiger Hitze.

 

2. Schutz der Dachabdichtung

Die Dachhaut wird vor Witterungseinflüssen und starken Temperaturschwankungen geschützt, was ihre Lebensdauer verlängern kann.

 

3. Regenwasserrückhalt
Niederschlagswasser wird teilweise gespeichert und verzögert abgegeben. Das entlastet Entwässerungssysteme.

 

4. Förderung der Biodiversität
Begrünte Dächer schaffen Lebensräume für Insekten, Bienen und Vögel.

 

5. Aufwertung des Siedlungsraums
Sie verbessern das Stadtklima, unterstützen den Schallschutz und tragen zur gestalterischen Qualität von Gebäuden bei.

 

Das Dach als aktiver Teil nachhaltiger Bauplanung

Photovoltaik und Dachbegrünung sind keine Gegensätze. Richtig geplant, ergänzen sie sich ideal. Während Solaranlagen erneuerbare Energie erzeugen, verbessert die Dachbegrünung das Mikroklima, schützt die Bausubstanz und steigert die ökologische Qualität eines Gebäudes.

 

Wer frühzeitig abklärt, welche Vorschriften am Standort gelten und wie sich Technik, Statik und Nutzung kombinieren lassen, schafft die Grundlage für eine langlebige und zukunftsfähige Lösung. Gerade bei Flachdächern kann ein Solargründach eine besonders durchdachte Antwort auf heutige Anforderungen an Energie, Nachhaltigkeit und Bauqualität sein.